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Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit
Das Bundesministerium für Gesundheit hat einen Entwurf für einen neuen Aktionsplan zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) für die Jahre 2026 bis 2029 vorgelegt. Ziel des 36-seitigen Papiers ist es, Medikationsfehler systematisch zu reduzieren und die Sicherheit der Arzneimitteltherapie entlang des gesamten Medikationsprozesses weiter zu erhöhen – von der Verordnung über die Abgabe und Anwendung bis hin zur regelmäßigen Überwachung und Anpassung der Therapie.
Digitalisierung der Arzneimittelversorgung
Ein zentraler Schwerpunkt des geplanten Aktionsplans liegt auf der Digitalisierung der Arzneimittelversorgung. Die flächendeckende Einführung des elektronischen Rezepts sowie der elektronischen Patientenakte (ePA) schaffen aus Sicht des Ministeriums neue Rahmenbedingungen für die AMTS. Vor diesem Hintergrund soll der digital gestützte Medikationsprozess (dgMP) weiterentwickelt und stärker für sicherheitsrelevante Fragestellungen genutzt werden. Perspektivisch will das BMG prüfen, ob auf Basis vorhandener medizinischer und arzneimittelbezogener Daten automatisierte Prüfungen und Warnhinweise zur Vermeidung von Medikationsrisiken eingesetzt werden können.
Einführung eines elektronischen Medikationsplans (eMP)
Konkret vorgesehen ist die Einführung eines elektronischen Medikationsplans (eMP). Dieser soll voraussichtlich ab 2026 in der ePA für Patientinnen und Patienten verfügbar sein, die mehr als drei dauerhaft verordnete, systemisch wirkende Arzneimittel einnehmen. Ab 2027 ist geplant, den eMP in der Versorgungspraxis hinsichtlich Akzeptanz und Praktikabilität zu erproben. Ziel ist es, allen Beteiligten – Ärztinnen und Ärzten, Apothekerinnen und Apothekern, Pflegekräften sowie den Patientinnen und Patienten selbst – einen aktuellen und vollständigen Überblick über die Gesamtmedikation bereitzustellen. Diesen elektronischen Medikationsplan gibt es bei der PAV übrigens schon seit 17 Jahren!
Ein weiterer zentraler Baustein des Aktionsplans ist der geplante Aufbau eines sogenannten AMTS-Stewardship. Dazu soll eine interprofessionelle Arbeitsgruppe eingerichtet werden, die internationale Modelle analysiert, bestehende nationale Ansätze bewertet und ein Konzept für die Umsetzung, Implementierung und Evaluation im deutschen Gesundheitssystem entwickelt. Das BMG versteht unter AMTS-Stewardship ein Team speziell qualifizierter Fachkräfte aus Medizin und Pharmazie, das die Arzneimitteltherapiesicherheit systematisch bewertet und Versorgungseinheiten mit auf die jeweiligen lokalen Bedürfnisse zugeschnittenen Maßnahmen unterstützt. Ab Frühjahr 2026 soll ein umfassendes Konzeptpapier erarbeitet werden, ergänzt durch einen Survey zur Potenzialabschätzung sowie ein Symposium zur praktischen Umsetzung.
Absetzen von Arzneimitteltherapien (Deprescribing)
Auch das sichere Absetzen von Arzneimitteltherapien (Deprescribing) spielt im Entwurf eine wichtige Rolle. Vor dem Hintergrund zunehmender Polymedikation – insbesondere bei älteren und multimorbiden Patientinnen und Patienten – plant das BMG ab 2026 ein wissenschaftliches Symposium, um aktuelle Erkenntnisse zum Deprescribing einer breiten Fachöffentlichkeit zugänglich zu machen. Zusätzlich soll eine praxisorientierte Handreichung erarbeitet werden, um Ärztinnen und Ärzte sowie weitere Gesundheitsberufe beim strukturierten und sicheren Absetzen von Arzneimitteln zu unterstützen.
Zur besseren Erfassung und Prävention von Medikationsfehlern will das Ministerium zudem die Spontanmelderate von Medikationsfehlern erhöhen. Hierzu soll insbesondere das ADKA-Datenbank-Modul DokuPIK 2.0 stärker genutzt werden, um Medikationsfehler systematisch zu dokumentieren und auszuwerten. Die gewonnenen Daten sollen künftig auch für die Evaluation von AMTS-Maßnahmen herangezogen werden.
Geplant ist darüber hinaus, die Wirkung von Maßnahmen zur Arzneimitteltherapiesicherheit verstärkt mithilfe von Routinedaten zu messen. Ergänzend soll ein Expertentreffen messbare, populationsbezogene AMTS-Ziele auf Grundlage von Gesundheitsdaten definieren. Auf dieser Basis möchte das BMG eine regelmäßige Berichterstattung zur AMTS etablieren, um Fortschritte sichtbar zu machen und gezielt nachsteuern zu können.
Komplexität von Arzneimitteltherapien nimmt zu
Hintergrund des neuen Aktionsplans ist die zunehmende Komplexität der Arzneimitteltherapie in Deutschland. Nach Angaben des BMG sind drei bis sieben Prozent aller Notaufnahmen auf Arzneimittelnebenwirkungen zurückzuführen. Jährlich kommt es schätzungsweise zu rund 250.000 Krankenhauseinweisungen infolge von Medikationsfehlern, von denen ein erheblicher Teil als vermeidbar gilt. Vor diesem Hintergrund misst das Ministerium der Weiterentwicklung der AMTS eine hohe gesundheitspolitische Bedeutung bei.
Der neue Aktionsplan knüpft an frühere AMTS-Strategien an, setzt jedoch bewusst neue Schwerpunkte. Die vorgesehenen Maßnahmen sollen sich deutlich von bisherigen Ansätzen unterscheiden, stärker messbar sein und nachhaltiger in der Versorgungspraxis verankert werden. Stellungnahmen zu dem Entwurf können nach derzeitigen Informationen bis Mitte Februar abgegeben werden. Der zuletzt offiziell veröffentlichte Aktionsplan AMTS galt für die Jahre 2021 bis 2024 und wurde im Februar 2021 veröffentlicht.
Hinweis:
Der folgende Beitrag basiert auf einem derzeit vorliegenden Entwurf des Bundesministeriums für Gesundheit für einen Aktionsplan zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) für die Jahre 2026 bis 2029. Der Entwurf befindet sich aktuell im Konsultationsprozess und ist noch nicht offiziell beschlossen oder veröffentlicht. Änderungen im weiteren Verfahren sind möglich.
